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Feuchte Zeiten

Protokoll: Vina Yun

In den 1980er-Jahren habe ich mich als Schülerin im Anti-Aids-Aktivismus engagiert. Damals haben wir in Bonn einen Skandal ausgelöst, weil wir mit unserer Schülerzeitung Kondome an unter 18-Jährige verteilten. Ich hab deswegen fast mein Abi nicht machen dürfen. Zu dieser Zeit, 1987, fand auch die von Alice Schwarzer initiierte „PorNO“- Kampagne statt. Als Feministin hab ich natürlich die „Emma“ gelesen. Ich kann mich erinnern, dass ich sogar diesen „PorNO“-Aufkleber auf meinem Ranzen hatte.

Dossier Missy 05/19 Licia Fertz © Giulia Selvaggini

Im gleichen Jahr war ich dann bei einer Podiumsdiskussion im Hochhaus Tulpenfeld in Bonn bei den Grünen mit Claudia Gehrke, der Gründerin des konkursbuch-Verlags. Dort stellte sie erotische Bilder von Frauen aus und sprach über Pornografie, nämlich auch als Möglichkeit, Bilder zu schaffen für ein weibliches Begehren. Ich saß da und dachte mir: „Die hat die wesentlich besseren Argumente“, und hab dann den „PorNO“-Aufkleber nochwährend der Veranstaltung von meinem Ranzen abgefusselt.

Ich studierte u. a. Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte, für mich war erotische Kunst in der Kunstgeschichte ein Schwerpunkt. Nach meinem Studium eröffnete ich 2001 mit meiner damaligen Partnerin Sophie Hack die Buchhandlung Lustwandel in Berlin-Prenzlauer Berg. Eine Buchhandlung für erotische Kunst und Literatur zu machen für alle Leidenschaften und Identitäten, also gewissermaßen eine pansexuelle Buchhandlung, wie wir uns damals schon nannten, war mir ein ganz großes Anliegen, weil ich mir meine Bücher – das war noch vor dem Internetzeitalter – immer sehr mühsam zusammensuchen musste. Zu dem Zeitpunkt gab es noch sehr viele Lesben-Sexshops, Frauen- Sexshops, es wurden noch sehr viele Bücher gelesen. Mir fehlte auch die positive Repräsentanz von Devianz, noch bevor das alles „queer“ hieß. Der Grund für die Schließung des Buchladens 2008 hatte viel mit Strukturwandel zu tun und mit Gentrifikation. Und natürlich auch mit Amazon, ganz klar.

Lustwandel war mehr als eine Buchhandlung:

Wir haben Lesungen und Workshops veranstaltet, wir hatten in einem Raum Haken in der Decke extra für Shibari, also Japan-Bondage, Fetish Diva Midori aus San Francisco hat dort mehrere Performances gemacht. Deborah Sandaal, Pionierin der weiblichen Ejakulation, war bei uns, ebenso Tristan Taormino und viele von den Sex Educators aus den USA, mit denen ich bis heute befreundet bin. Das war für acht Jahre ein wunderbarer Experimentierraum, in dem die unterschiedlichsten Menschen zusammenkamen. Es waren auch sehr viele heterosexuelle Menschen da, die keinen Bock hatten auf das, was ihnen sonst so geboten wurde, dieses Witzig-Frivole und was ich „Tuttifrutti“-Syndrom nenne. Viele waren begeisterte Swinger – heute würden sie sich „poly“ nennen –, die sich aber auch sehr viel mit ihrer Identität als Swinger auseinandersetzten. War ’ne wilde Zeit, war ’ne gute Zeit. Dann war irgendwann Schluss, wie halt einfach mal beizeiten Schluss ist. Wir sagten uns: Bevor wir den Spaß an allem verlieren, hören wir lieber auf. Es war ja immer noch ein Unternehmen und keine Freizeit für uns.

Der Name der Buchhandlung wurde von der radikalfeministischen Zeitschrift der 1990er-Jahre, „Ihrsinn“, inspiriert, genauer: von einer ziemlich sex- und devianzfeindlichen Sonderausgabe mit dem Titel „Lustwandel“. Das war 1993. Ich schrieb einen wütenden Leser*innenbrief und meinte, das ginge gar nicht, also diese Haltung gegen Sexarbeit, die Gleichsetzung von BDSM und Faschismus. Es waren schon auch viele interessante Sachen mit dabei, und ja, man muss auch über Gewalt reden, aber die Art und Weise, dieser ganze Tenor, da wandelte keine Lust, nirgendwo in diesem Heft. Die Auseinandersetzung, dieses Sich-Abarbeiten an dieser Sexfeindlichkeit hat gewissermaßen die Buchhandlung geboren. Ich habe mich durch alles gelesen, Pat Califia, Amber Hollibaugh, Susie Bright, Carol Queen, es gab so viel. Ich dachte, das müssten wir doch auch irgendwie hinkriegen. Sophie Hack hatte vor „Lustwandel“ im Querverlag die Anthologie „SEXperimente“ he- rausgegeben. Darin schrieben Lesben Schwulenpornos und Schwule Lesbenpornos, ich war da auch mit einem Text vertreten.

Damals gab es auch noch das US-amerikanische Magazin „On Our Backs“, ein Sexmagazin für Lesben, herausgegeben von Deborah Sundahl, Susie Bright und Tristan Taormino. Wir dachten, so etwas Ähnliches hätten wir auch gerne auf Deutsch. Und das nennen wir dann nicht „erotische Literatur“, so ganz verklemmt, sondern tatsächlich „Sexgeschichten“. Sophie Hack und ich hatten 2000 die Buchreihe „Bisse und Küsse“ begonnen, ebenfalls im Querverlag, wir gestalteten außerdem die zweite Ausgabe des Jahrbuchs „Mein lesbisches Auge“, zusammen mit Regina Nössler und Laura Méritt. All das war sozusagen der Vorlauf zu Lustwandel.

Der Antrieb war natürlich auch, dass ich das Gefühl hatte, keinen Raum zu haben in der vorherrschenden, sehr übermächtigen Negativdarstellung von Sexualität. Was mir fehlte, war zudem eine Diskussion darüber, wie die Unsichtbarkeit lesbischer Sexualitäten innerhalb der Pornodebatte gelöst werden konnte. Nicht umsonst gründeten die lesbischen Sex Radicals in den USA Pornoblätter, drehten Pornos und schufen so einen sehr großen Bilderkanon devianter Sexualitäten, das ging viel mit Dildos, mit Leder, mit Selbstaneignung und Transformation von Gewalt. Deswegen war die BDSM-Szene auch sehr groß und sehr sichtbar und produzierte auch unglaublich viel Theoretisches. Gayle Rubin beispielsweise ist quasi eine Mitmutter von Judith Butlers „Gender Trouble“. Patrick Califia und andere haben sehr viel für die Selbstaneignung von Körpern getan und nicht wenige aus dieser Generation sind ja auch in die Transition gegangen. Eben aus diesen Logiken heraus – nicht entlang einer Essenzialisierung à la „Ich war schon immer so“, sondern „Ich mache mich mit meinem Körper zu dem, was ich sein will“.

An die Sex Radicals von damals erinnert man sich heute viel zu wenig. Gerade lese ich wieder „My Dangerous Desires: A Queer Girl Dreaming Her Way Home“ von Amber Hollibaugh, ein großartiges, sehr intersektional denkendes Buch über Sexarbeit, darüber, eine Minderheit in der Minderheit zu sein, Hollibaugh ist US-amerikanische Roma. Es sind Gesprächsprotokolle mit Gayle Rubin und Jewelle Gomez, es geht viel ums Of-Color-Sein, um Klassismus, Sexarbeit und die Rolle von lesbischen Aktivistinnen in der AIDS-Pandemie. Das hat mich an den Sexdiskursen in den 1990ern und frühen 2000ern immer sehr begeistert. Viele dieser Aktivist*innen sind heute verarmt, das muss man auch sagen. Es ist nicht so, dass die jetzt alle Professuren haben. Die sind in einem Alter, wo sie nicht mehr gelesen werden, nicht mehr gewertschätzt werden, obwohl sie so viel geleistet haben.

Sehr häufig, wenn ich z. B. queere Blogs zu Sexualität lese, hab ich das Gefühl, dass das Rad neu erfunden wird. Nein, poly habt ihr nicht erfunden – Mehrfachbeziehungen zu leben, ist in bestimmten, heute so verbuhten Second-Wave-Zusammenhängen etwas völlig Normalisiertes gewesen. Diese Befreiungen aus gesellschaftlichen Zwängen hat es immer gegeben, weil es diesen Raum gegeben hat zur Selbsterfindung. Also nicht: Ich muss so sein wie ein bestimmtes Bild, sondern: Ich weiß nicht, was ich machen soll, also experimentier ich mal rum und irgendwo komm ich schon raus. Diese Fehlertoleranz, die hat sich verändert. Ich glaube, Carolyn Gammon aus Berlin hatte in den 1990ern ein Gedicht geschrieben, das hieß „Bad Lesbian Sex“. Die Toleranz zu sagen, ja, es kann auch mal richtig scheiße sein, aber alles ist Erfahrung, die hat abgenommen. Heute muss alles immer sicher, sicher, sicher sein. Aber an Scheiße kommste nicht vorbei im Leben, vor allem nicht, wenn man Sex haben möchte. Das sag ich jetzt mal mit meinen fünfzig Jahren.

In den 1990ern ist auch noch was anderes passiert: Lesben wollten wieder Frauen sein. Das lief über die Homoehe und Mutterschaft, über Akzeptanz in der Mehrheitsgesellschaft, daher mussten Lesben wieder in diese Strukturkategorie „Frau“ rein. Ich sage: Die Homoehe hat lesbische Sexualität organisiert und monogamisiert. Sex war ein revolutionärer Hebel, die Homoehe hat das plattgemacht. Was verloren gegangen ist, ist dieses große Gedankenfeld, das die französische Schriftstellerin Monique Wittig aufgemacht hat. Sie sagte, Lesben sind keine Frauen, wir verzichten auf diese Strukturkategorie, die ja nur ein Spiegel vom Mann ist, und dann gucken wir mal, was wir damit machen können. Wir sind keine „homosexuellen Frauen“, wir verweigern das – das ist unsere Utopie in der Dystopie sozusagen. Es geht also nicht darum, dass „queer“ die bessere Lesbe ist, sondern wie queer „Lesbe“ eigentlich ist. Wenn ich mit einem trans Mann zusammen bin, bedeutet es eben nicht, dass ich zwangsläufig meinen lesbischen Mitgliedsausweis abgeben muss. Mein Kampf um Sichtbarkeit wird sich verändern, weil die Gesellschaft versuchen wird, mich zu heterosexualisieren und uns nicht mehr als Lesben*paar zu lesen. Genauso wie ein trans Mann nicht seinen lesbischen Mitgliedsausweis abgeben muss – außer er will. Sechs gute Freunde von mir waren früher mal Freund*innen. Drei von ihnen bezeichnen sich immer noch als Lesben. Bin ich fein mit. Ich zitiere da gerne die Queertheoretikerin Christine M. Klapeer, die sagt: Es ist genug Lesbe für alle da.

Ich habe das Glück gehabt, in einem lesbischen Umfeld zu sein – eigentlich hat sich in meinen Kreisen niemand als „hetero“, „homo“ oder „bi“ kategorisiert –, wo auch nicht alle cis waren. In den 1990ern ging es eher um politische Heimaten als das, was in der Horizontalen passierte, da passierte schon auch sehr viel. Die hitzigen Debatten über die Exklusionen von trans Menschen unter älteren Lesben, wie wir sie heute erleben, verwirren mich ein bisschen, weil das nie meine Realität war. Es waren auch immer Ältere in diesen Neunzigerjahre- Zusammenhängen dabei, dieses Leben in der Minderheit vor Internet bedeutete auch, dass sich die Generationen stärker vermischt haben. Ich persönlich hatte daher immer den Eindruck: Je älter du wirst, desto besser wirst du, in allem. Weil es darum ging, Erfahrungen zu sammeln. Ich hatte nie Angst vorm Alter, das kommt mir jetzt zugute.

Was es damals natürlich nicht gab, war das Internet. Es hat zu einer stärkeren Ausdifferenzierung von Looks beigetragen, würde ich sagen, aber auch die Codes haben sich verändert. Was sich auch geändert hat, ist das Dating-Verhalten: Sich zufällig in einer Bar kennenzulernen und sich sympathisch zu finden, passiert heute kaum mehr. Heute verwenden die meisten Dating-Apps, sie gehen ins Internet mit quasi einem Peilsender, was ich wahnsinnig unsportlich finde. Also dass ich mir die Sexpartner*innen nach einer Shoppingliste zusammenstelle. Ich habe das Gefühl, ich bringe mich da um neue Erfahrungen. Manchmal weiß ich, was ich haben will, manchmal denke ich, ich weiß es bis heute nicht. Eine Zeit lang dachten Lesben, sie müssten so werden wie die Schwulen– nee! Ich hab da keinen Neid. Lesbischsein und lesbische Sexualität sind immer auch Räume gewesen, in denen vieles möglich ist, die ich mir selbst gestalten kann. Ich möchte nicht werden wie jemand anderes, sondern gucken, was denn in meinem Raum alles geht.

Das neue Dating-Verhalten hat mit dazu geführt, dass sehr viele der schwulen und lesbischen Bars eingegangen sind. Die LGBT-Bewegung war lange eine Ehrenamtsbewegung, und man ist da auch hingegangen, um potenzielle Sexpartner*innen, Geliebte, Freund*innen etc. zu finden. Diese Grundmotivation ist heute weg. Es gibt auch eine, würde ich sagen, Entpolitisierung des Begehrens. Weibliche Sexualität ist deshalb ein so umkämpftes Terrain, weil es immer darum geht, wem der weibliche Körper gehört, wer Zugriff auf ihn hat. Natürlich geht es dabei auch um potenzielle Mutterschaft. Aus dieser Perspektive maßen sich Lesben an, das völlig ohne Männer komplett selbst zu bestimmen. Ich glaube, lesbischer Sex ist der deutlichste Beweis für eine Unabhängigkeit, für eine Inbesitznahme des Körpers, über den Staat und Gesellschaft zu verfügen meinen. Nicht umsonst ist „Lesbe“ ein Pornobegriff – wenn ich „Lesbe“ eingebe in Google, stoße ich auf so viele Pornoseiten für Heteros! Eine lesbische Selbstfindung wird so verunmöglicht, ebenso wie das Aufbauen eines Kanons eigener Bilder. Ich weiß als Kind schon, wie ein heterosexueller Kuss aussieht, bei einem lesbischen weiß ich das nicht. Bilder von Sex sind auch unglaublich wichtig für die eigene Subjektivierung. Aber um es mit Annie Sprinkle zu sagen: „Die einzige Antwort auf schlechten Porno ist guter Porno.“

Was ich über „Lesbian Bed Death“ (LBD) denke? Da krieg ich so- fort Bluthochdruck, wenn ich das höre! Das ist ein furchtbarer Mythos, der dem Selbstempfinden des Defizitären entwächst. Es gibt keinen „Schwulen Bed Death“. Lesbische Sexualität imitiert ja angeblich immer etwas – dann kommt das furchtbare Wort „Hilfsmittel“, da könnt ich die Palme hochgehen! – und gilt als defizitär. Können wir bitte noch mal über Technologie und Sexualität als Kulturtechnik reden? Keine Sau findet was dran, dass ich eine Brille trage – aber man hat ein verdammtes Problem mit einem Dildo.

Jede Langzeitbeziehung, heterosexuelle und schwule eingeschlossen, hat selbstverständlich Phasen, in denen andere Dinge im Vordergrund stehen. Zu Beginn findet jede Beziehung über ganz viel Sex zusammen; dass das nicht zu halten ist – die meisten wären sonst arbeitslos! –, hat einfach mit der Realität zu tun. Viele werden Eltern, haben ein anstrengendes Berufsleben voller Umbrüche etc., da vergeht einem schon mal der Sex. An die Stelle treten dann oft andere Handlungen, die Verbindung schaffen. Es geht nicht einfach nur um Sex, sondern darum, Erfahrungen zu schaffen, aus zwei (oder mehreren) Personen ein Uns zu machen, dafür reicht Sex alleine nicht. Sex wird zum einen zu wichtig genommen, zum anderen wird er als Praktik überfrachtet: Es muss immer das tollste, beste Erlebnis sein. Dieser ganze Mythos um LBD transportiert Selbsthass, Selbstzweifel und einen unglaublichen Mangel an Sichtbarkeit an unterschiedlichen lesbischen Sexualitäten. Weil: Den lesbischen Sex gibt es nicht.

Stephanie Kuhnen, Jahrgang 1969, ist seit Mitte der 1990er als Journalistin und Autorin in Berlin tätig. 
Ihr erstes Buch „Butch / Femme. Eine erotische Kultur“ erschien 1997. Zuletzt gab sie die Anthologie „Lesben raus! Für mehr lesbische Sichtbarkeit“ im Querverlag heraus.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 05/19.

 

 

 

 

Der Beitrag Feuchte Zeiten erschien zuerst auf Missy Magazine.

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